Prof. Dr. Erich Kasten
Prof. Dr. Erich Kasten

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Titanic No. 2

oder:
 

DIE SCHWERSTE FAHRT DER PRIWALLFÄHRE „PÖTENITZ"
 

(Autobiographischer Roman in 1 Kapitel von E.K.)
 

(P.S.: alles ist frei erfunden, nur die Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind beabsichtigt)

Freitag, der 20. August 1999. Einer der letzten Monate im alten Jahrtausend. Eine schicksalsschwangere Zeit, die Furchtbares ahnen lässt: Krieg in Jugoslawien und Sexskandal des amerikanischen Präsidenten. Doch in dieser Nacht soll es noch schlimmer kommen. 21 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Wir befinden uns im Travemünder Hafen. Pfiffe gellen über das Vorschiff, noch stehen die gewaltigen Schiffsmaschinen still, aber die Hebel stehen auf „Achtung" und im Maschinenraum blicken die Ingenieure gespannt auf die leuchtenden Signalscheiben. Die Motoren springen an, die Dynamos der Lichtmaschinen surren. Langsam treibt der Schiffskoloss vom Anleger ab, die Sirene brüllt ihren Abschiedsgruß vom Hafen. Der Kapitän lehnt an der Brücke und blickt in die immer weiter zurückweichende Menschenmenge. Flatternde Tücher - unübersehbar wie ein aufgescheuchtes Heer weißer Tauben. Fäuste umkrampfen die Reling. Einem Kerl mit Lederhose, Oberschenkeln wie ein Elefant und der behaarten Brust eines Hünen steht das Wasser in den Augen, eine langhaarige Schöne mit modisch-kurzem Haarschnitt klammert sich zitternd an ihn. Die Priwallfähre „Pötenitz" legt ab.

Auf dem Deck versammelt sich die High-Society aus Tra’. Backbord sieht man Birgit, die schönste Frau vom Gnerversdorfer Weg, Steuerbord Kalle, den reichsten Mann aus der Teutendorfer Siedlung. Am Bug die schmalen Gestalten der Hausfrauen Regina, Gitti und Christiane. Langsam und sehnsuchtsvoll wandern ihre Blicke über die gestikulierende Menschenmenge am Ufer hinweg. Unsagbare Traurigkeit scheint ihre Augen zu füllen: Er ist nicht mehr gekommen. Welch grausamer Zug des Schicksals. Selbst der letzte Anruf in Kiel, panisch vom Vordeck mit dem Handy, scheint vergebens. Der Dampf der Maschinen bläst über sie hinweg und lässt sie im kühlen Nachtwind fröstelnd erschauern.

Es ist ein eigenartiges Gefühl, wenn der Abstand zwischen Kaimauern und Schiffswand immer größer wird, wenn der dunkle Wasserstreifen, der als letztes schmales Band noch Hüben und drüben verbindet, breiter und breiter wird. Eine seltsame Beklemmung: Die Pötenitz hat abgelegt. Unwiderruflich. Jetzt gibt es kein Zurück mehr, denkt Britta S., nie mehr zurück.

"Sag niemals nie", flüstert ihr das Schicksal wie ein hastiger Windrausch zu. Ein gutaussehender Blonder erklärt gerade einer gutaussehenden Brünetten, dass die Toiletten an Backbord liegen. Auf hilflose Blicke der Schönen fügt er erklärend hinzu, das sei in Fahrtrichtung links. Doch überraschend, auf Höhe des Skaninavienkais, stoppt die Fähre plötzlich und fährt dann stampfend rückwärts Richtung Anleger zurück. Der gutaussehende Blonde zuckt die Achseln und meint, jetzt seien die Toiletten wohl zeitweise an Steuerbord. Das Schiff legt wieder an. Einige leicht verwirrte Passagiere versuchen auszusteigen, in der Meinung schon am Fahrziel angekommen zu sein, können nach gewaltsamen Einflößen berauschender Flüssigkeiten aber ohne große Mühe zurückgehalten werden. Am Ufer steht der kleine Feigling vom RSH, der mit 1 ½ Stunden Verspätung nun doch noch gekommen ist. Regina, Gitti, Christiane und Birgit, eben noch melancholisch-depressiv, werden plötzlich überdreht, euphorisch und heiter bis zur Manie und versuchen den Medien-Star durch Aufknöpfen der Blusen und Hochschieben der Hosenenden bis auf Kniehöhe und darüber hinaus auf sich aufmerksam zu machen.

Das Stahltier im Maschinenraum erwacht wieder, Kolben blitzen auf, dumpfes Grollen erfüllt das Unterdeck. Die Fähre legt erneut ab. In langen rauschenden Wogen empfängt die Trave das Schiff, in den Aufbauten summt der Wind. Der gutaussehende Blonde erklärt der gutaussehenden Brünetten, nun habe alles seine Richtigkeit und die WCs seien wieder an Backbord. Die Schönheit wendet sich indigniert ab und tippt sich heimlich an die Stirn.

Inzwischen geht der kleine Feigling, gelenkt nur von den vier Damen, die ihn umschwärmen wie Fruchtfliegen eine schimmlige Apfelsine, gezielt auf einen wortkargen, muskulösen Menschen zu. Breitschultrig, untersetzt, mit knappen Bewegungen lenkt er souverän die Massen hier auf dem Schiff. "Herzlichen Glückwunsch", sagt der kleine Feigling und gratuliert Mike S. damit nachträglich zum Geburtstag. Brausender Jubel überfällt das Schiff. Dann verteilt der kleine Feigling viele kleine Feiglinge und Tröten und allerlei andere Undinge und schon bald erfüllt ein ohrenbetäubendes Grölen die Luft und das Wasser. Nur gut, daß Fische keine Ohren haben.

Weiße Gischt umtanzt die Priwallfähre, stahlgrün leuchtet die See. Vom Heck her schallen die Rufe zum Dinner. Eine Völkerwanderung zum Speisezelt setzt ein, lautloses Gedränge und Gewoge, Sichverlieren in dem endlosen Labyrinth aufgestellter Bierbankreihen. Hier scheinen sich Luxus und Verschwendungssucht in einem einzigen Wahnbild zu konzentrieren. An die 60 Leute sitzen an den Tischen und dennoch scheint das Zelt halbleer; so gewaltig sind seine Ausmaße! Aus irgendeinem Winkel klingt Musik, gedämpftes Geklapper der Plastiklöffel im stumpfen Rhythmus der Maschinen unter Deck, leises Raunen der Stimmen: die Passagiere der Luxusklasse nehmen ihre Mahlzeit ein.

Um 22.18 Uhr mehren sich die Anzeichen, daß Schlimmes im Verzug ist. Überraschend entdeckt Birgit P. eine seltsame Gestalt an Bord, mit haarlos-gelbem Kopf und tonnenförmigen, roten Ohren. Sie erkennt sofort den Klabautermann, zerrt ihn vor die anderen Gäste und weiß, daß das Böse nur abzuwenden ist, wenn der Klabautermann drei Fragen nicht beantworten kann. Marina S. borgt sich das RSH-Mikrophon und stellt Quizfragen, die sie am Tag vorher im Fernsehen gesehen hat und selbst auch nicht beantworten konnte. Auf die Frage, wieviel Tropfen Wasser die Ostsee enthält, muss der Klabautermann tatsächlich passen und löst sich unter Krachen und Blitzen auf wie Rumpelstilzchen im Märchen. Seltsamerweise riecht die Stelle noch nach Stunden nach Essigessenz und gibt Rätsel auf. 

Das Vibrieren der Schiffsmaschinen teilt sich kaum fühlbar mit, leise vernimmt man das rollende Brummen der Maschinen. Die Pötenitz zerteilt das Wasser der Trave wie in Kuchenmesser die Torte und Jack-the-Ripper die Kehlen seiner Opfer. Gegen 22.45 Uhr nimmt der Wind etwas zu und kommt jetzt zwei Strich aus Südnordwest. Die Fähre schlingert kaum merklich. Der schwere Schiffskörper hebt und senkt sich rhythmisch in den Wellen. Am Kai in Lübeck wird um Punkt 23 Uhr noch ein unruhig wartender Passagier, der zweiköpfige indische Guru "Reiner-Yogi" an Bord genommen, nichtsahnend, in welch dräuende Gefahr er sich begibt.

Inzwischen betritt die brünette Schöne die Herrentoilette. Sie ahnt nun zwar den Unterschied zwischen Steuer- und Backbord, aber niemand hat sich die Mühe gemacht, ihr auch noch zu erklären, was es mit dem mit Tesakrepp auf die Türen geklebten "D" und "H" auf sich hat. Ein Feuerwehrmann, der dort gerade seinen Schlauch entrollt hat, schreit auf, ob vor Panik oder Vorfreude ist dem Ruf nicht zu entnehmen. Die Hübsche flieht dennoch. Aufgrund einer Fehlkonstruktion des Erbauers, die Toiletten für beide Geschlechter befinden sich, wie gesagt, entweder beide an Back- oder beide an Steuerbord, kommt es unbemerkt langsam zur Katastrophe. Die Tanks unter den WCs füllen sich, um 23.18, es kann auch einige Stunden früher oder später gewesen sein, hat das Schiff durch die einseitige Überlast bereits 0,001 Schlagseite.

In Fahrtrichtung liegt die Trave glatt und dunkel wie ein Sargtuch. In der rabenschwarze Finsternis ist absolut nichts zu erkennen, nur der Mond, einige Sterne und die beleuchtete Silhouette der Herrenbrücke. Aus der Finsternis steigt wie ein unsichtbarer Nebel das Unbehagen und die Sehnsucht nach festem Land. Zitternd greift Christiane K. nach der Spucktüte, die sie heimlich in ihrer Tasche versteckt hat und Kalle E. merkt erschreckt, daß er diesmal nicht früher nach Hause gehen kann. Während die Trave ihre flüsternden Melodien der Priwallfähre Pötenitz entgegenrauscht, scheint sie das Schiff dabei ganz leise und heimlich wie eine Wiege zu schaukeln.

Ohne Rücksicht auf anwesende Ehegatten hat RSH-Star Kleiner Feigling inzwischen mit magischen Zaubertänzen und Versprechen einen Großteil der auf dem Schiff anwesenden Ladies um sich versammelt und hält sich mit ihnen in dunklen Schiffsecken auf. Wolken, aus Tausenden von Kilometern von weither kommend, kreuzen die Fahrtrichtung der Priwallfähre Pötenitz. Bunte Luftballons flattern im Wind als wollten sie versuchen zu entkommen. Doch es führt kein Weg von dieser Fähre.

Infolge fortgesetzter Dauerbenutzung insbesondere der Damentoilette hat das Schiff inzwischen schon 0,002° Schlagseite. Mit prophetischer Voraussicht bemerkt Gitti E. dies als erste, die Hände bittend nach vorne gestreckt fordert sie drohend und lauthals ein Rettungsboot für sich alleine. Von zwei dazu eigentlich gar nicht authorisierten Damen wird sie gepackt, unter Deck geführt und in Ketten gelegt, um andere Passagiere nicht in Angst zu versetzen. Arme Ahnungslose, Gleichgültige, Unwissende.

 

Unter Deck spielt sich inzwischen ein Drama ganz anderer Natur ab. Nervi, der unverschämte, freche kleine Ratterich, setzt sich gerade eine 29-mm Smith&Wesson an die linke Schädelhälfte. Bewusst von seinen Ratten-Kumpeln, die schon vor Tagen das Schiff verlassen haben, im Stich gelassen, hat er seit Stunden einen Ausweg gesucht, aber keinen gefunden. Die letzte Kugel der zu schräg angesetzten Pistole fetzt ihm aber lediglich ein kreisrundes Loch ins rechte Ohr, von dem er später behaupten wird, es sei eine Verletzung aus dem Schweizer-Käse-Krieg. Gerade noch rechtzeitig fällt ihm ein, dass Frauen und Kinder oft von sinkenden Schiffen gerettet werden. Er versteckt sich daher in der Seitentasche einer besonders schönen, mit Gold besetzten Jacke, die seiner Ansicht nach mindestens einer Baronin gehört, und ist nun fast sicher bestimmt gerettet werden zu können. Nicht ahnend, dass diese Jacke ausgerechnet die des Kapitäns ist. An manchen Tagen klappt eben nichts. Armer kleiner Nervi.

Durch das drückende Schweigen der stillen Nacht dröhnt laute Musik. Für ewige Zeiten sind diese Melodien gebrandmarkt, keiner der Überlebenden dieser Reise wird die Töne jemals vergessen können. Nichtsahnend schwingen sich Paare über die Tanzfläche. Geschirr klappert, Britta S. räumt die Reste des Dinners in eine große Plastiktüte. Ein Klirren geht durch die Sektgläser, kaum merklich hebt und senkt sich die Pötenitz als wieder jemand das Klo benutzt und sich infolge einer gleich mehrfach gezogenen Wasserspülung die Schlagseite sprunghaft auf 0.003° erhöht. In den unterhalb des Decks gelegenen Tanks steigt das Pipi gleichmäßig an und schlägt bei jedem Wellenschlag an den Wänden hoch.

Um Mitternach sickert die Wahrheit unaufhaltsam allmählich durch. Mit blassem Gesicht tastet Jörg B. sich ab, er sucht nach nassen Stellen seiner Kleidung um herauszufinden, wie tief die Priwallfähre Pötenitz vielleicht schon unter Wasser steht. Bereits in Höhe der Unterhose findet er tatsächlich eine feuchte Stelle und gerät in Panik.
 

Nervös beißt Chritiane K. in den Rand ihres Plastikbierbechers. Jeder spürt nun die Schlagseite des Schiffes, aber niemand weiß, was geschehen ist. Unruhe und Nervosität spiegelt sich in den eben noch so fröhlichen, unbeschwerten Gesichtern wider. Ölig liegt die See in der tiefen Dunkelheit; wallendes Grau hüllt die Priwallfähre Pötenitz für Sekunden ein. Das Tempo bleibt unvermindert, der Heizer unter Deck gibt sein bestes.
 

Das Gesicht zurückgeneigt, die schweren Fäuste zitternd ringt Mike S. sich nun zu einer Notlösung durch und rationiert den weiteren Ausschank von Bier. Leere Fässer werden weggerollt, Flaschenbier gibt es ab jetzt nur noch für Kinder, Hilfsbedürftige und Arme.

 

Funker Nils sitzt an der Station und horcht den Äther ab. Seit Stunden hat er die Tasten nicht lockergelassen. Keine Antwort kommt, die Nacht bleibt stumm. Unaufhörlich jagt er das SOS in den Raum hinaus, mit einer Selbstverständlichkeit als hätte er nichts anderes zu tun.

 

Die Hoffnung aller Passagiere lastet auf ihm wie ein Zementsack, schöne Frauen scharren sich ängstlich um ihn: Wird er es schaffen, noch rechtzeitig Hilfe herbeizuholen? Nils kauert vor seiner Apparatur und hämmert wie irre auf der Tastatur herum. Ab und zu huscht ein dünnes Lächeln über sein Gesicht, wenn er glaubt, doch noch Funkkontakt bekommen zu haben. Aber immer wieder erweisen sich die Töne, die er hört, nur als Werbemelodie eines Radiosenders.

 

Andere Schiffe sind zu weit entfernt (Abgesehen von einem 175.000 Brutoregistertonnen-Frachter, dessen Radar ausgeschaltet ist, da der Radiologe schon vor Stunden schlafengegangen ist und der infolgedessen die kleine Fähre kurz hinter der Herrenbrücke fast über den Haufen fährt. Wie der Fliegende Holländer rauscht der Frachter vorbei und verschwindet in der unendlichen Dunkelheit der Nacht) . Das Funkgerät überhitzt, Nils kühlt es mit Eiswürfeln, bis es restlos durchbrennt.

Der Kapitän kommt ein letztes Mal vorbei und entbindet Matrosen, Funker und Ingenieure von ihrer Pflicht: "Ihr könnt nicht mehr tun, als ihr getan habt. So steht es nun mit uns, ab jetzt ein jeder für sich selbst." Das Personal missversteht diesen Befehl, nimmt die Beine in die Hand und prügelt sich, jeder gegen jeden, um die letzte Flasche Bier, die jemand heimlich hinter dem Tresen versteckt hat.

 

Verschlafene Augen tauchen auf, fluchende Männer, kreischende Frauen. Lähmendes Entsetzen. Frank S. gelingt es, die Massen noch einmal zu beruhigen. Er stimmt die deutsche Version des "Kasatschok" an und dirigiert subtil die Massen zu einem Volks-Chor. Fasziniert bleiben die Menschen stehen und lassen sich vom steten Rhythmus des Liedes einlullen, sie vergessen die Schlagseite des Schiffes. Frank singt sich in Trance, doch nach der 238. Strophe ist das Lied abrupt zu Ende. Erneut geraten die Passagiere in Panik. Erbarmungslos sehen die Sterne auf sie herunter.

 

Irgend ein Wahnsinniger betätigt erneut die Wasserspülung im Herren-WC, die Schlagseite steigt abrupt auf 0,004°. Tumult bricht aus.

 

Bleiche Gesichter starren in den mahlenden Menschenstrom: Wie lange wird das Schiff noch durchhalten? Rufe nach Schwimmwesten, Rettungsinseln oder wenigstens aufblasbaren Gummitieren werden laut. Kopflos stürmt Erich K. zu einem Rettungsring, um sich in Sicherheit zu bringen. Mit nervösen Handgriffen nestelt er am Verschluss herum, muss dann aber erkennen, dass Rettungsringe wie auch Rettungswesten und Schlauchboote fest mit dem Schiff verschweißt sind, um Diebstählen vorzubeugen.

Erneut bricht die Musik ab, um dann mit Hilfe des kleinen Feiglings ein letztes und ein allerletztes Mal einzusetzen, das dann aber nur noch bis gegen fünf Uhr dauern wird, um im Morgengrauen schließlich endgültig und für immer zu verstummen. Die Ereignisse stürmen nun in immer dichterer Reihenfolge auf die Menschen ein. Der Lärm erfüllt sich mit Unruhe, die sich in den ausgetrockneten Kniekehlen bemerkbar macht. Wie hinter Nebelwänden rollt die Situation unaufhaltsam ab. Glocken schrillen, das Wasser in der Toilettenspülung gurgelt unaufhaltsam immer weiter, wilde Flucht. Menschenklumpen, betend, fluchend, schreiend. Das Licht beginnt zu flackern. Gellende Stimmen wie überspannte Gitarrensaiten, markerschütternde Schreie aus tausend Kehlen. Alles rennt durcheinander, niemand weiß wo das Ziel ist. Auf der Tanzfläche staut sich ein Menschenhaufen zuckender Leiber im Rhythmus des dröhnenden Unterganges. Michael R., seines Zeichens Versicherungsvertreter, nutzt die Situation und verkauft noch schnell einige Last-minute-Risiko-Lebensversicherungen. Verständlicherweise nur gegen Barzahlung, denn auch er muss sich ja irgendwie absichern. Zufrieden neigen sich die wenigen Passagiere, die die hierfür nötigen 50.000,- DM zufälligerweise gerade bei sich hatten, nun in ihren Liegestühlen zurück und genießen das Bild, das sich ihnen auf Deck bietet.

Unter den Passagieren bilden sich Führungspersönlichkeiten heraus. Zwei oder drei der unzähligen Reginas übernehmen die Lenkung der Passagiere aus dem Mittelschiff und leiten sie durch die Dunkelheit Richtung Bug, Heck und wieder zurück. Hirnlos wie Lemminge und blind wie Maulwürfe folgen ihr die anderen. Ohne Ziel. Ohne Rettung. Ohne Sinn. Menschen stolpern, fluchend, ein tobendes Menschenknäuel. Das Festzelt macht nun den Eindruck einer schräggestellten Bühne. Plastikbecher, Selterflaschen und leere Feiglinge auf der Kippkante. Die Massenhysterie wächst, nur Malermeister Kalle E. bleibt ruhig. Seit Stunden ist er fasziniert von den großen weißen Wänden des Schiffes und in tiefsinnige Überlegungen verwickelt, wie die Fähre wohl in Wischtechnik marmoriert in Altrosa aussehen würde. Welch’ eine Fläche zum Streichen! Inzwischen explodieren die Massen um ihn herum vor Angst und Panik. Es ist abzusehen, dass die Pötenitz sich nur noch kurze Zeit halten kann.

Dann, um kurz vor eins, erreicht die Pötenitz doch noch mit letzter Kraft den Anleger in Travemünde. Die Rettung scheint nah. Mike S. ordnet an: "Kinder zuerst!". Bis gegen drei Uhr morgens benötigt man, bis jemand feststellt, dass nie Kinder und Jugendliche an Bord gewesen sind. Am Ufer warten rastlos seit Stunden Corinna, Stefan und eine weitere der unzähligen Reginas angstvoll auf ihre nahen Angehörigen, Verwandten und Bekannten auf dem Schiff. Erleichterung durchströmt sie. Da die Fähre nicht gesunken ist, sinkt wenigstens Regina (... Stefan in die Arme). Schließlich dürfen die ersten Frauen von Bord gehen. Endlos langsam schleicht die Zeit für die, die noch warten müssen. Gegen fünf Uhr können auch die Männer das Schiff verlassen.

Im Osten graut das Morgengrauen, auf der öden, grauen Wasserfläche liegt die Pötenitz nun still und müde, wie um sich zu verschnaufen nach einem langen, zwecklosen Lauf. Die Maschinen schweigen. Kabinen, Festzelt und Toiletten stehen leer. Letzte dunkle, keuchende Atemzüge entströmen dem Maschinenraum. Im Hafen herrscht völlige Stille. Nur der einsame Rucksack mit dem verlassenen Tonbandgerät des kleinen Feiglings erinnert noch an das Geschehen.

 

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